Norddeutschland – traditionell anders

Die Besonderheiten des nordischen Winters stellen das übrige Deutschland vor ein Rätsel.

Die Wintermonate laufen in Deutschland quasi nach Schema F: Erst kommt der Nikolaus, dann wird der Weihnachtsbaum geschmückt und zu Neujahr heißt es noch einmal kräftig Ausruhen. Für viele Norddeutsche sieht der Winter aber ganz anders aus: Gerade die kleineren Ortschaften sind über Jahrhunderte zu einem Melting Pot aus skandinavischen, niederländischen und keltischen Traditionen geworden.

Das Feuer unter’m Hintern böser Geister

Wenn im nordfriesischen Februar hunderte Feuer entzündet werden, ist das kein verfrühter Auftakt der Grillsaison. Tatsächlich handelt es sich dabei um das als Biikebrennen bekannte Ritual. Im letzten Jahr wurde es zum UNESCO-Welterbe erklärt – und das nicht nur, weil es im Winter so schön warm hält. Es handelt sich um einen jahrhundertealten Brauch zur Vertreibung böser Geister, mit dem die Frauen von Seefahrern einen letzten Gruß an ihre Männer in die kalte Nordseenacht schicken.

Sport ist Nord

Im Winter eine ruhige Kugel schieben, kommt für die Norddeutschen nicht infrage: mit dem als Boßeln bekannten Lokalsport der Friesen hat sich das Kugelstoßen auf gefrorenen Äckern und Landstraßen als prima Vorwand etabliert, mit Kumpels einen Bollerwagen voll beladen mit Alkohol durch die Landschaft zu ziehen.

Nord macht erfinderisch

Eine stattliche Weihnachtstanne sucht man auf den friesischen Inseln vergeblich. Doch die Erfindungsgabe der Norddeutschen obsiegt: Zweige immergrüner Sträucher auf einem Holzgesteck ineinander verwoben, mit Salzteigfiguren geschmückt – ein drolliger Name wie Jöölboom oder Kenkenbuum – schon hat man die Alternative zum Weihnachtsbaum. Ein perfektes Beispiel norddeutschen Einfallsreichtums und Originalität.

Die guten Vorsätze ins kalte Wasser werfen

Während sich der Rest Deutschlands am 1. Januar in Steppdecken einwickelt und mit Katerjammer herumquält, sammeln sich die Norddeutschen zum Neujahrsschwimmen – an der Nordsee, an der Ostsee, auf der Mecklenburgischen Seenplatte. Damit stärken sie nicht nur ihre Abwehrkräfte für den kommenden verregneten Sommer, sondern führen eine jahrhundertealte Tradition in nordisch-rustikaler Manier fort.

So verschroben einem diese Bräuche auch erscheinen mögen – der Norddeutsche legt im Winter genauso Wert auf eine besinnliche Zeit mit seinen Liebsten. Die passende Musik und das Nordverständnis aus dem Radio dürfen natürlich nicht fehlen.