Festival ja, Zelten nein

In den Nordmetropolen steppt bekanntlich der Seebär – im Sommer auch auf vielen Festivals.

Kneipenviertel und Strände locken in den Städten Norddeutschlands ebenso wie Opern, Theater, Kabaretts und natürlich Gastronomie. Und doch kann es dem aktiven Nordländer nicht genug Spaß und Spektakel, Kultur und Austausch sein. Der Eindruck kommt jedenfalls auf, wenn man sich die Bandbreite an Festivals ansieht, die hier stattfinden.

Wem beispielsweise der Sinn nach Beschallung mit guter Musik in sympathischer Gesellschaft steht, der kommt mit Leichtigkeit auf seine Kosten. Großveranstaltungen wie das „Fusion Festival“ oder das „Wacken Open Air“ erfreuen sich ja mittlerweile europaweiter Berühmtheit. Aber auch in den Städten finden viele attraktive Festivals statt. Und während die Angereisten aus ganz Deutschland in Hostelbetten kampieren, kann der geneigte Nordländer abends im eigenen Bett schlafen. Zum Beispiel während des legendären Reeperbahn Festivals. Das größte Clubfestival Deutschlands gilt für Newcomer wie für alte Hasen der Musikbranche als einer der wichtigsten Treffpunkte weltweit.

Leinen los und Lötkolben an – im Norden mischt man gerne selbst mit

Ebenfalls international, aber sonst ganz anders: die „Rumregatta“ in Flensburg. Hier trifft sich die internationale Who’s who historischer segelnder Berufsfahrzeuge – inklusive Besitzer und Besatzung versteht sich. Warum Rum? Flensburg war im 18. Jahrhundert groß im Rumhandel und wird auch Rumstadt genannt. Das größte nordeuropäische Gaffelrigger-Treffen (Gaffelrigger sind Boote mit traditionellen Segeln) erinnert an diese glorreiche Zeit und versetzt die ganze Stadt am Wochenende nach Christi Himmelfahrt in Nostalgie und gute Laune. Für die beeindruckende Hafenkulisse mit über 100 Schiffen und das begleitende Hafenprogramm mit Musik, Rum und ausgesuchten Köstlichkeiten reisen Besucher aus ganz Deutschland an.

Auf der „Maker Faire“ in Hannover haben die Besucher Gelegenheit zu tun, was sonst bei Festivals eher seltener vorkommt: Sie legen selbst Hand an. Und zwar nicht an Musikinstrumente oder den Zapfhahn, sondern an Lötkolben, 3D-Drucker oder Schmiedehammer. Denn das zweitägige Festival widmet sich ganz dem DIY – zu Deutsch: Mach es selbst. Die ausstellenden Heimwerker nennen sich Maker und zeigen stolz ihre Kreationen – darunter Roboter, computergesteuerte Strickmaschinen oder den Döner-spieß für zu Hause. In Mitmachworkshops wird der Besucher selbst zum Nerd – und ist stolz darauf

Filmischer Nachwuchs, filmreife Kulissen

Neben Musikfestivals, die Fans aus ganz Europa in den Norden pilgern lassen, treten die charmanten Filmfestivals in der Region oft in den Hintergrund. Allerdings völlig zu unrecht. Das Internationale Filmfest Oldenburg beispielsweise ist das hinreißendste Filmfestival, von dem Sie nie gehört haben. Dabei erhält das Festival Einreichungen aus über 70 Ländern und ist besonders für seinen Independent Award in der Branche geschätzt. Für Nachwuchs-Scorseses gibt es das nordkompatibel benannte Rostocker „Festival im Stadthafen“, kurz „FiSH“. Hier saß bereits Regie-Koryphäe Andreas Dresen in der Jury.

Die „Breminale“ ist zwar kein Filmfestival, den ambitionierten Namen schreibt sich das Open-Air Kulturfestival  am Bremer Osterdeich aber mit Fug und Recht auf die Fahnen: 200.000 Besucher konnten zuletzt gezählt werden. Hier trifft Deichromantik auf norddeutsche Gelassenheit. Denn wer sich nicht gerade vor einer der sieben Bühnen tummelt, chillt in der Sonne am Wasser, bummelt oder isst sich von Büdchen zu Büdchen. Und wenn es dann dunkel wird über dem Zelt- und Budenarenal mit seinen bunten Fähnchen und Girlanden und Deich und Wasser in buntes Licht getaucht werden, dann bekommen Bremer wie Nicht-Bremer ordentlich Gänsehaut – und zwar nicht von der steifen Nordbrise.