MP 1/2024: Auswirkungen des ORF-Onlineangebots auf Verlagsangebote

Christian Zabel/Daniel O'Brien/Frank Lobigs

Effekte des Marktaustritts von öffentlichen-rechtlichen Online-Nachrichtengeboten auf den Absatz von digitalem Paid Content

Eine Simulation für den österreichischen Markt

Kurz und Knapp

  • Am Beispiel eines ORF-Angebots wurde untersucht, inwiefern sich eine Abschaltung des öffentlich-rechtlichen Angebots positiv auf die Erlöse privater Anbieter auswirkt.
  • Es zeigte sich, dass nur geringe Zugewinne für private Angebote zu erwarten wären.
  • Vielmehr profitierten sie großen Internet-Intermediäre.
  • Im internationalen Vergleich zeigt sich kein signifikanter negativer Zusammenhang zwischen der Stärke öffentlich-rechtlicher Nachrichtenangebote und den Markterlösen der privaten Anbieter. Markante Fallbeispielevidenzen sprechen eher für positive Auswirkungen.

 

Der Branchenkonflikt um die Online-Nachrichtenangebote des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gehört zu den „Neverending Stories“ der Medienpolitik im deutschsprachigen Raum. Der Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) sieht diese Angebote nach wie vor als Gefahr für das digitale Abonnement-Geschäft. Eine ähnliche Diskussion gibt es in Österreich. Im Zuge der im Juli 2023 abgeschlossenen Novellierung des ORF-Gesetzes wurde eine medienpolitische Diskussion über die weitere Ausrichtung des ORF geführt. Analog zu den Debatten in Deutschland brachten die privaten Wettbewerber hier an, dass es ihnen kostenlose Angebote unmöglich machten, eigene Nachrichtenangebote im Internet über Digital-Abonnements zu refinanzieren. Konkret ging es dabei um das Online-Nachrichtenangebot ORF.at, die sogenannte „Blaue Seite".

Im Rahmen eines wissenschaftlichen Gutachtens wurde nun im Auftrag des ORF untersucht, welche Effekte es hätte, wenn dem ORF untersagt wäre, das Angebot ORF.at weiterhin anzubieten. Die Ergebnisse zeigen: Gäbe es die Blaue Seite nicht, würden gerade nicht die digitalen Zahlabonnements der Zeitungsverlage profitieren, sondern die bereits heute reichweitestarken kostenfreien Anbieter. Würde man die Blaue Seite einstellen, hieße dies lediglich, dass man in diesem Aufmerksamkeitswettbewerb gerade jene Stimme entziehen würde, der die österreichische Bevölkerung nachweislich die höchste Vertrauenswürdigkeit zuspricht. Für die Chancen der Digitalabonnement-Angebote der Verlage wäre indes bei alledem – ausweislich der Untersuchungsergebnisse – fast nichts gewonnen. Im Gegenteil: Fallbeispiele in Skandinavien weisen eine hohe Quote an Digitalabonnement bei gleichzeitig starker Nutzung öffentlich-rechtlicher Onlineangebote aus. Dies widerlegt die sogenannte Crowding-out-Hypothese der Befürworter eines „Abdrehens“ der Blauen Seite und legt vielmehr die Vermutung nahe, dass das öffentlich-rechtliche Angebot – ähnlich wie in Skandinavien – die Wettbewerbsstruktur so beeinflussen könnte, dass dies für die digitalen Zahlangebote günstig wirkt.



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