Heft 10-11

Jens Wolling/Christina Schumann/Dorothee Arlt

Vier Corona-Welten - Divergierende Vorstellungen von einer multiplen Krise und die Rolle der Medien

Eine Typologie auf Grundlage der Weltbezugs-Theorie

Die Corona-Pandemie in Deutschland ab Mitte März 2020 entwickelte sich zu einer multiplen Krise mit gesundheitlichen, wirtschaftlichen, politischen und sozialen Aspekten, die den Einzelnen und die Gesellschaft insgesamt betraf. Die Krise dominierte die Medienberichterstattung und verdrängte andere Themen aus den Nachrichten. Vor diesem Hintergrund wurde eine repräsentative Onlinebefragung mit folgender Fragestellung durchgeführt: Welche Vorstellungen haben die Menschen in Deutschland von der Corona-Krise und wie hängen diese Vorstellungen mit medial vermittelten und persönlichen Erfahrungen zusammen?

Auf der Basis statistischer Kennwerte und inhaltlicher Überlegungen wurde eine „Corona-Weltbezugstypologie“ der deutschen Bevölkerung erstellt. Auf der einen Seite wurde der Typus „Kritiker“ der staatlichen Corona-Politik identifiziert. Diesem gegenüber stehen drei „Unterstützergruppen“: Die „Besorgten Unterstützer“ und die „Optimistischen Unterstützer“ zeigen große Übereinstimmung in ihrer Einschätzung der gesundheitlichen und sozialen Risiken. Die „Besorgten Unterstützer“ sehen jedoch eine düstere wirtschaftliche Zukunft voraus, während die „Optimistischen Unterstützer“ in dieser Hinsicht eher positiv gestimmt sind. Die „Sorglosen Unterstützer“ schließlich machen sich bezüglich der gesundheitlichen und wirtschaftlichen Aspekte wenig Gedanken und nehmen auch deutlich weniger soziale Probleme wahr.

Die Befunde zeigen, dass sich die Informationsnutzung zwischen den Gruppen nur geringfügig unterscheidet. Auch die tatsächlichen Lebensverhältnisse der Menschen hängen kaum mit den festgestellten Unterschieden in den Vorstellungen über die Corona-Krise zusammen. Deutliche Divergenzen zeigen sich dagegen bei der Wahrnehmung und Bewertung der Medienberichterstattung. Die drei „Unterstützergruppen“ vertrauen der Corona-Berichterstattung stärker als die „Kritiker“. Bei den „Kritikern“ hingegen ist die Themenverdrossenheit deutlich höher ausgeprägt. Es ergibt sich allerding kein einfaches Muster der Zusammenhänge – zum Beispiel im Sinne einer klaren Linie zwischen „Kritikern“ und „Unterstützern“ der staatlichen Corona-Politik. Die verschiedenen Einflussfaktoren sind komplexer miteinander verbunden und erfordern Längsschnittuntersuchungen zur weiteren Klärung.

 

MP 11/2020, S. 578-590



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